Der Grüne Kakadu

kakaduvon Arthur Schnitzler
Dezember 2003 und April 2004

Am Vorabend des 14. Juli 1789, also kurz vor dem die Frz. Revolution auslösenden Sturm auf die Bastille herrschen im Land bereits Unruhen. Auf den Straßen finden Demonstrationen statt, in den Schlössern aber erfreut sich der Adel gleichzeitig noch des Höhepunkts seiner Dekadenz. Noch werden die Demonstrationen und Straßenredner nicht wirklich ernstgenommen, am allerwenigsten von denen, gegen die es gehen soll…

In den ökonomischen/sozialen Wirren hat auch das Theaterensemble um den Theaterdirektor Prospère  ihr Theater und ihre Einnahmequelle verloren. Zunächst hatte die Truppe es auf ehrbare Weise mit einem Lokal versucht, nachdem das aber sehr schlecht lief, hat man sich auf das zurückbesonnen, was man schließlich am besten kann: Spielen. Und so findet nun in der Kneipe „Zum Grünen Kakadu“ allabendlich etwas statt, was man heute als „Performance“ oder „Eventkneipe“ bezeichnen würde: Prospère und seine Truppe spielen ihren Gästen eine Gangsterhöhle vor. Zielpublikum: die, die zu dieser Zeit noch Geld haben, nämlich die Adligen. Das Konzept ist eingeschlagen wie eine Bombe, und so kommen hier Abend für Abend die illustresten Köpfe von Paris her, um sich von „Zuhältern“, „Mördern“, „Brandstiftern“, „Prostituierten“ und anderem Gesindel mehr, anpöbeln zu lassen und sich angenehm gruselige Geschichten davon hautnah erzählen zu lassen, wie es bei „denen da unten“ so zugeht. Für ein paar Stunden dürfen die Marquis, die Grafen, die Vicomtes, die Herzöge, die schon alles gehabt haben, in eine Welt eintauchen, die noch einen gewissen Nervenkitzel mit sich bringt.

An diesem Abend aber läuft alles aus dem Ruder: Prospère begeht den Fehler, Grain einzustellen, der ein echter Krimineller ist; ein staatlicher Kommissär taucht auf, der das Lokal wegen „skandalösen Treibens“ schließen lassen will; und der Star der Truppe, Henri, erklärt seinen Abschied von der Bühne. Henri ist seit einiger Zeit leidenschaftlich und unglücklich in die ehemalige Schauspielerin Leocadie verliebt. Jetzt hat er Leocadie dazu überreden können ihn zu heiraten und glaubt, dass damit alles anders würde und er sieht sich bereits mit Leocadie auf dem Land friedlich Kinder wiegen und Schafe züchten. Zum Abschied verspricht der dem entgeisterten Prospère aber noch den besten Auftritt, den er je gesehen habe.

Auftritt der adligen Gäste, die ein buntes Gruselkabinett aus dekadent-blasierten Figuren abgeben: Der Vicomte Francois ist mit seinem (Lustknaben? Wer weiß das schon) Albin hier, ebenso der Marquis de Lansac, seiner Frau und, wie es sich gehört, dem Hausfreund seiner Frau. Das Ensemble beginnt mit seinem allabendlichen Spiel, es wird geflirtet, von Taschendiebstählen und Brandstiftung erzählt und es werden menschliche Dramen vorgeführt. Auftritt Henri, der tatsächlich einen Knüller mitbringt: Er stürzt in die Kneipe und erzählt, er habe den Herzog von Cadignan ermordet (einen der Stammgäste und guten Bekannten der anwesenden Adligen) – denn dieser habe ein Verhältnis mit seiner Frau Leocadie.

Was Henri nicht weiß, aber alle um ihn herum sehr wohl: Der Herzog von Cadignan hat tatsächlich ein Verhältnis mit Leocadie. Dies und die Tatsache, dass der arme Henri seinen Bühnenabgang so dramatisch überzeugend wie möglich spielen will, führt dazu, dass alle entsetzt glauben, dass Henri nicht mehr spielt, sondern tatsächlich zum Mörder geworden ist.

Verzweifelt versucht die Truppe, das Ganze noch zu retten, zumal der Kommissär im Publikum sitzt – da tritt der Herzog tatsächlich herein, quicklebendig natürlich. An den Reaktionen der andern erkennt Henri die Zusammenhänge, folgert messerscharf, stürzt sich in blinder Eifersucht auf den Rivalen und ersticht den Herzog nun tatsächlich. Grain stachelt den nun folgenden Tumult begeistert an „Nieder mit den Adligen!“ , es kommt zum Aufruhr, und der Mob bricht los – und nun beginnt die Französische Revolution. Endgültig.